Mannschaften - Bundesliga - Hofheim 12017 / 2018


1. und 2. Runde der 1. Bundesliga Link Bundesliga Ergebnisdienst Hamburg

1. Runde am 21.10.2017

    SV Werder Bremen             -  SV Hofheim                   6 : 2
1.  Areshchenko, Alexander       -  Schroeder, Jan-Christian     ½ : ½
2.  Fressinet, Laurent           -  Savchenko, Stanislav         1 : 0
3.  McShane, Luke J              -  Ginsburg, Gennadi            1 : 0
4.  Edouard, Romain              -  Perske, Thore                1 : 0
5.  Hracek, Zbynek               -  Lobzhanidze, Davit           ½ : ½
6.  Spoelman, Wouter             -  Gurevich, Vladimir           1 : 0
7.  Babula, Vlastimil            -  Margolin, Boris              ½ : ½
8.  Koop, Thorben                -  Zude, Arno                   ½ : ½

2. Runde am 22.10.2017

    SV Hofheim                   -  SV Mülheim Nord             4½ : 3½
1.  Schroeder, Jan-Christian     -  Fridman, Daniel              0 : 1
2.  Savchenko, Stanislav         -  Zelbel, Patrick              1 : 0
3.  Ginsburg, Gennadi            -  Hausrath, Daniel             ½ : ½
4.  Perske, Thore                -  Saltaev, Mihail              1 : 0
5.  Lobzhanidze, Davit           -  Vrolijk, Liam                0 : 1
6.  Gurevich, Vladimir           -  Warmerdam, Max               ½ : ½
7.  Margolin, Boris              -  Dinstuhl, Volkmar, Dr.       1 : 0
8.  Zude, Arno                   -  Rezasade, Amir               ½ : ½

Unerwartet erfolgreicher Start in die Bundesliga-Saison

Nach zwölf Jahren Abstinenz hat die Hofheimer 1. Mannschaft in der letzten Saison endlich wieder den Aufstieg in die 1. Bundesliga geschafft (die vor uns liegenden Mannschaften wollten ja nicht), und am letzten Wochenende (21./22. Oktober) stand nun unser Debüt an. Wir hatten ja schon in früheren Jahren die Erfahrung gemacht, wie sehr es in der Ersten Liga, mehr noch als in der Zweiten, darauf ankommt, auch noch in der fünften und sechsten Spielstunde mit voller Energie und Konzentration zu kämpfen, denn gerade bei Spielern deutlich unterschiedlicher Stärke werden Partien dann noch zugunsten des Stärkeren gedreht.

So schlimm mit dem Drehen war es an diesem Wochenende nicht — die meisten entschiedenen Partien wurden schon vor der Zeitkontrolle nach vier Stunden gewonnen oder verloren, oder zumindest war das Ergebnis absehbar — aber große Kampfkraft war nötig und wurde aufgebracht. Mit zwei Mannschaftspunkten aus den beiden Wettkämpfen gegen Werder Bremen und Mülheim Nord gelang uns ein unerwartet guter Start in die Saison!

Werder Bremen - Hofheim

Als wir am frühen Samstagnachmittag im Mülheimer Spiellokal eintrafen, saß dort der für Bremen spielende niederländische GM Wouter Spoelman allein an seinem Brett. Keine Spur vom Rest der Bremer Mannschaft! Das änderte sich auch nicht bis zum Beginn der beiden Wettkämpfe (der andere war Mülheim Nord gegen unseren Reisepartner Hockenheim) pünktlich um 14:00 Uhr. Es hieß, die Bremer würden sich bei der Anreise von einem Hotel in Düsseldorf verspäten. Angesichts dieser Unterbesetzung durften auch Spoelman und Vladimir Gurevich ihre Partie noch nicht beginnen, vielmehr liefen an allen Brettern auf Bremer Seite die Uhren. Schließlich traf der Rest der Bremer Mannschaft mit 13 Minuten Verspätung aber doch ein und ersparte es allen direkt und indirekt Beteiligten, mit der unangenehmen Situation klarzukommen, dass eine hoch favorisierte Mannschaft gegen einen Underdog kampflos verliert …

Hofheim 1 1. und 2. Runde Die Bremer brachten an den meisten Brettern 100-200 Elo-Punkte mehr auf die Waage, und das machte sich auch bald in den Partien bemerkbar.
GM Gennadi Ginsburg vermied im Spanischen Vierspringerspiel ein Theorieduell mit GM Luke McShane. Bald kam er erst in eine etwas passive Stellung, dann in Schwierigkeiten und schließlich in einen vernichtenden Angriff.
Hofheim 1 1. und 2. Runde

Beim Slawischen Damengambit von GM Stanislav Savchenko wurde das kommende Unheil klar, als seine Rochade von GM Laurent Fressinet verhindert werden konnte. Mit seinem luftig stehenden König wurde das folgende Schwerfigurenendspiel zu schwierig, als dass Stanislav bei knapp werdender Zeit noch ernsthaften Widerstand hätte leisten können.


Dagegen gelang es unserem Neuzugang IM Boris Margolin, mit einer stocksoliden Aufstellung in einem c3-Sizilianer allen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Nach der Mindestzahl von 20 Zügen einigte er sich mit GM Vlastimil Babula auf Remis.



Hofheim 1 1. und 2. Runde Mehr Kopfzerbrechen kostete das gleiche Ergebnis IM David Lobzhanidze, alldieweil die Möglichkeit, GM Zbynek Hracek in seiner Sizilianischen Igelstellung einen Doppelbauern im Zentrum zu verpassen, strategisch zweischneidig war. Aber in Zeitnot hielt David stand und konnte kurz vor dem 40. Zug seinen Gegner vor die Wahl zwischen einer Zugwiederholung oder völligem Ausgleich stellen, also einigten sich die Spieler auch hier auf Remis.

Hofheim 1 1. und 2. Runde Die besten Chancen, vielleicht mehr als ein Remis zu erreichen, erspielte sich GM Jan-Christian Schröder am Spitzenbrett. Mit guter Vorbereitung und mutigem Spiel erreichte er gegen die Sizilianische Najdorf-Variante von GM Alexander Areshchenko eine vielversprechende Stellung. Bei einer spontanen Abweichung vom vorher gefassten Plan übersah er jedoch einen taktischen Gegenschlag, der schnell zu klarem Ausgleich und einer Remisvereinbarung führte.


Hofheim 1 1. und 2. Runde GM Vladimir Gurevich geriet in einem Endspiel mit ungleich verteilten Vor- und Nachteilen — Läuferpaar, Doppel- und Einzelbauern gegen bessere Bauernstruktur — langsam ins Hintertreffen. Ab dem 30. Zug hatte GM Wouter Spoelman ihn im Schwitzkasten, und auch wenn es dann noch über 20 Züge dauerte, konnte es am kommenden Sieg des Niederländers in Bremer Diensten kaum Zweifel geben.

Hofheim 1 1. und 2. Runde Mehr Zweifel gab es bei IM Thore Perske, der in einer Königsindischen Verteidigung eine stabile Stellung gegen den Sg3-Aufbau von GM Romain Edouard erreicht hatte. Ein taktischer Schlag des Franzosen veranlasste Thore, seine Dame gegen Turm, Läufer und Bauer herzugeben, aber seine Festung erwies sich wegen der verbleibenden ungleichen Läufer und Felderschwächen löchrig und am Ende gelang es der Dame entscheidend einzudringen.

An Brett 8 gab es die einzige Partie mit Elo-Gleichstand der beiden Spieler. IM Arno Zude kam gut mit dem „Katalanisch ohne d4“ von IM Thorben Koop zurecht und erzielte schnell Ausgleich. Die Stellung bot aber Möglichkeiten für beide Seiten und mein junger Gegner spielte konsequent darauf, Gewinnchancen zu erzeugen, selbst unter temporärem Bauernopfer. So „temporär“ sollte das Opfer dann nicht bleiben, jedoch hatte mein Gegner keine Mühe, das entstehende Turmendspiel mit Minusbauer remis zu halten.

Am Ende stand gegen Werder Bremen also eine deutliche 2:6-Niederlage, die aber im Rahmen des Erwarteten blieb und uns nicht die Stimmung verdarb. Vielmehr fragten wir uns beim gemeinsamen Abendessen, wie unsere nächsten Gegner, Gastgeber Mülheim Nord, am nächsten Tag wohl ihre Aufstellung verstärken würden. Sie waren nämlich gegen die starken Reisepartner Hockenheimer (drei GMs mit Elo >2650, alle Spieler >2550!) mit 1,5:6,5 unter die Räder gekommen und würden gegen uns sicher noch einen ihrer GMs dazu holen!?

Hofheim - Mülheim Nord

Hofheim 1 1. und 2. Runde Die Art und Weise, wie die Mannschaftsaufstellungen zu melden sind, ist mit Beginn dieser Saison für die 1. Bundesliga geändert worden. Es ist nicht mehr so, dass die Mannschaftsführer spätestens eine Viertelstunde vor Spielbeginn dem Schiedsrichter ihre Aufstellungen mitteilen müssen. Vielmehr sind die Aufstellungen nun bis spätestens drei Stunden vor Spielbeginn über das Internet zu melden und werden dann eine Stunde vorher veröffentlicht. Es bleibt den Spielern also ein bisschen Zeit, sich auf ihre tatsächlichen Gegner einzustellen.

Am Sonntagmorgen stellte sich heraus, dass die Mülheimer keine Veränderung in ihrer Aufstellung vorgesehen hatten. So war unsere Begegnung nominell sehr ausgeglichen und es konnte viel passieren. Das tat es dann auch und es gab fünf entschiedene Partien! Sie waren alle bis zur Zeitkontrolle zum 40. Zug oder kurz danach zu Ende.

Bei GM Stanislav Savchenko hatte sich durch Zugumstellung eine Variante aus dem Panow-Angriff ergeben, bei der ich mich fragte, ob er mit Weiß überhaupt etwas erreicht hatte. Aber Stanislav verstand es, IM Patrick Zelbel immer neue Probleme zu stellen, und eine kleine Kombination brachte ihm einen Bauern ein. Das Doppelturmendspiel mit Mehrbauer und aktiveren Türmen gewann er schnell.

IM David Lobzhanidze begann seine Partie mit Altindisch, aber später ergaben sich dann eher Spanische Strukturen mit dem weißen Be4 gegen den schwarzen Bd6. Die Partie entwickelte sich zugunsten von Weiß, als FM Liam Vrolijk erst einen Springer auf d5 platzierte, den David nicht tolerieren konnte, und dann den anderen auf c6, der noch lästiger war. Die zwei Schlagfälle beförderten den weißen Be4 nach c6, wo er, unterstützt vom Läufer auf g2, die schwarzen Figuren lähmte. Mit sicherer Verwertung seines Vorteils krönte der junge Niederländer eine exzellent gespielte Partie.

Hofheim 1 1. und 2. Runde Früh ganz auf sich gestellt waren die beiden Spieler an Brett 7, wo IM Boris Margolin auf das weiße Damengambit mit 2.- Lf5 reagierte und seinen Damenspringer nach c6 entwickelte. Später tauschte IM Volkmar Dinstuhl auf d5 und es ergab sich eine Karlsbader Struktur, in der Schwarz dem weißen Minoritätsangriff am Damenflügel einen Angriff am Königsflügel entgegensetzte. In beiderseitiger Zeitnot nutzte Boris schließlich die Gelegenheit zu einem Einschlag auf e3, was die Partie schnell für ihn entschied.

Hofheim 1 1. und 2. Runde Eine stetige leichte Initiative entwickelte IM Thore Perske mit seinem Short-Aufbau in der Caro-Kann-Vorstoßvariante. Nachdem GM Mihail Saltaev groß rochiert und Thore Linien am Damenflügel geöffnet hatte, ging es immer wieder darum, wessen Bauern schwächer waren und genommen werden durften. Thore behielt schließlich einen davon mehr auf dem Brett und ein Fehler seines Gegners in Zeitnot verkürzte die Verwertung.

Hofheim 1 1. und 2. Runde

Am Spitzenbrett bekam es GM Jan-Christian Schröder mit einem der Spieler der deutschen Nationalmannschaft zu tun. GM Daniel Fridman spielte eine Katalanisch-Variante, bei der er den geopferten Bauern c4 ignorierte und ganz auf sein schönes Zentrum mit den Bauern e4 und d4 setzte. Sobald Schwarz mit b7-b6 Anstalten machte, seinen Problemläufer auf c8 zu entwickeln, öffnete Weiß folgerichtig das Zentrum und brachte seine aktivere Figurenstellung zur Geltung. Bei den entstehenden Verwicklungen gewann er nicht nur den geopferten Bauern zurück, sondern auch noch einen dazu und behielt im folgenden Turm- und Springerendspiel die Oberhand.

Kurz nach der Zeitkontrolle stand es also 3:2 für uns, und in der Partie von GM Vladimir Gurevich war ein Remis absehbar. Vladimir hatte gegen die Sizilianische Taimanov-Variante von FM Max Warmerdam einen leichten Vorteil bis ins Bauernendspiel retten können, aber der zweite junge Niederländer bei Mülheim Nord ließ auch hier nichts anbrennen.

Auch beim Zwischenstand von 3,5:2,5 war noch alles offen! In beiden noch laufenden Partien standen die Hofheimer schlechter bis kritisch und setzten ihre Mannschaftskameraden (und die Zuschauer im Internet) ganz schön unter Spannung. Ziemlich viel passierte in der Partie von GM Gennadi Ginsburg aus einer „langweiligen“ Stellung heraus, die Züge eines geschlossenen Grünfeld-Inders trug. GM Daniel Hausrath opferte eine Qualität für schließlich zwei Bauern und erspielte sich angesichts von Gennadis passiv stehenden Türmen gute Gewinnchancen. Aber als Weiß schließlich anfing, seine Bauern vorzuschieben, wurde der schwarze Springer aktiv, und der Mülheimer entschied sich mit einem Dauerschach für den Spatz in der Hand.

Hofheim 1 1. und 2. Runde IM Arno Zude kam auch in der zweiten Partie an diesem Wochenende gut aus der Eröffnung heraus und erzielte merklichen Vorteil, bis FM Amir Rezasade nach langem Überlegen einen Weg zum Ausgleich fand, nach dem ich nicht gesucht hatte. In der Folge verlor ich einen Bauern, den ich nach beiderseitigem Belauern in der Zeitnotphase wieder zurückgewann. Kurz nach der Zeitkontrolle übersah ich eine kleine Taktik im übernächsten Zug, musste meinen Plan ändern und stand wieder kritisch. Meinem Gegner war die Möglichkeit, in ein sehr vorteilhaftes Dame- und Springerendspiel überzuleiten, nicht gut genug, er wollte mich lieber mattsetzen, und als das nicht ging, opferte er die Qualität, um meinem König mit Dame und Springer zu Leibe zu rücken, die ja oft ein gefährliches Team bilden. Aber als ich wiederum mit Dame und Turm zum Gegenangriff überging, wurde klar, dass ihm zum Mattsetzen ein Tempo fehlte und einer von uns beiden Dauerschach geben würde.

Insgesamt also ein knapper Sieg gegen Mülheim Nord, etwas glücklich, aber auch verdient! Auf einen so guten Start in der 1. Liga hatten wir kaum zu hoffen gewagt. Bemerkenswert ist, dass unser Neuzugang Boris sich mit 1,5 Punkten aus den beiden Partien hervorragend präsentierte und dass keiner unserer Spieler mit einer Doppelnull nach Hause geschickt wurde! Für die nächste Doppelrunde am 11./12. November in Schwäbisch Hall müssen wir allerdings wieder tiefstapeln, sind doch sowohl der dortige Gastgeber als auch sein Reisepartner Deizisau als mindestens ebenso stark wie Werder Bremen einzuschätzen.

Die Partien aller Bundesliga-Wettkämpfe kann man übrigens auf der Link Schachbundesliga-Webseite wie auch bei Link Chess24 nachspielen.

(Text: Arno Zude, Fotos: © Guido Giotta Photography Düsseldorf)